Du bist niemals alleine!

Auswertung Münster - der nächste Teil

Kleine Anfrage bei der Landesregierung Sachsen-Anhalt

Ja, wir müssen erneut über das Auswärtsspiel des 1. FC Magdeburg im April in Münster reden. Denn nachdem wir bereits kurz nach diesem Spiel den dortigen Polizeieinsatz sowie die allgemeine Informationspolitik von beteiligten Behörden, Vereinen sowie berichtenden Medien kritisierten, etwas später eine kleine Anfrage an die nordrhein-westfälische Landesregierung ebenfalls mehr kritisch als überraschend informativ werten mussten, liegt uns nun auch die Antwort der Landesregierung Sachsen-Anhalts zu einer ebenfalls durch uns initiierten Kleinen Anfrage bezüglich der Informationsübermittlung der sachsen-anhaltinischen Behörden an die Kollegen in Münster vor.

Münster - ihr erinnert euch vielleicht? Nach einem Pyroeinsatz der Heimfans bei einem vorangegangenen Heimspiel verbot der Heimverein allen Fans, auch den Gästen, das Mitbringen von Fahnen und Anbringen von Zaunfahnen. Gleichzeitig sorgte ein enormer Polizeieinsatz mit massiven Kontrollen der Gästefans bei Anreise sowie auf dem Gästeparkplatz dafür, dass viele Magdeburger Fußballfans von der Polizei eher genervt waren als sich geschützt zu fühlen. Zusätzlich sorgte hinterher ein mehr als fragwürdiger und leider von vielen Presseorganen unhinterfragt übernommener Polizeibericht dafür, dass man als reisender Fußballfan grundsätzlich eher weniger als mehr Vertrauen in polizeiliche Arbeit haben dürfte. Doch wie man es auch drehte und wendete, die Polizei sowie die beteiligten Vereine stützten ihre Aussagen auf vorliegende polizeiliche Erkenntnisse über den Einsatz von Pyrotechnik, der solcherlei Aktionen rechtfertigen würde (beispielhaft für viele sei an diesen Artikel der MZ erinnert: http://www.mz-web.de/sport/fussball/1-fc-magdeburg/-nicht-nachvollziehbar--fcm-kritisiert-fahnenverbot-in-muenster-23935188). Und an dieser Stelle kommt unsere kleine Anfrage ins Spiel. Denn tatsächlich wurde der Polizei in Münster mitgeteilt, dass Magdeburger Fußballfans gelegentlich (!) und anlassbezogen (!) Pyrotechnik zünden würden. Weiterhin sei nicht auszuschließen, dass gewaltbereite und gewaltsuchende Fans bei geschlossener Anreise die Eingänge überrennen würden.
Im Ergebnis reichen solch allgemeinen Informationen also aus, um aus dem gelegentlichen Einsatz von Pyrotechnik seitens der Clubfans einen massiven Einsatz dieser zu konstruieren und mehrere hundert Fußballfans massiv zu gängeln oder das Ansammeln von Fans auf dem Parkplatz als den möglichen Versuch eines Kassensturms zu interpretieren und diese im gleichen Atemzug allesamt als gewaltbereit bzw. gewaltsuchend zu stigmatisieren.
Auch wenn uns dieses Ergebnis letztlich nicht überrascht, lässt es erneut einen interessanten Einblick in die Psyche der Institution Polizei zu. Fußballfans werden hier zweifelsohne als Gegner gesehen. Für eine Entspannung des schwierigen Polizei-Fan-Verhältnisses sind solche Erkenntnisse auf jeden Fall nicht förderlich....

Die Antwort der Landesregierung Sachsen-Anhalt zum Download:
Kleine Anfrage - Übermittlung von Daten im Zusammenhang mit dem Dritt-Liga-Spiel SC Preußen Münster II

Wir danken ganz herzlich der Antragstellerin Eva von Angern.

Fanhilfe Magdeburg e.V. am 14.07.2016

Antwort der Landesregierung NRW stützt Einschätzung eines martialischen und überdimensionierten Polizeieinsatzes

Kleine Anfrage an die Regierung des Bundeslandes Nordrhein-Westfalen bezüglich der Vorfälle rund um das Fußballspiel Preußen Münster - 1. FC Magdeburg

Nach den Vorfällen rund um das Spiel des 1. FC Magdeburg in Münster kündigte die Fanhilfe Magdeburg an, den Polizeieinsatz rund um diese Partie genauer auszuwerten umso einerseits polizeiliches Handeln Fußballfans inhaltlich näher zu bringen und gleichzeitig die Vielzahl an Fragen, die sich rund um den Einsatz in Münster ergaben, zu klären. Aus diesem Grund lancierte die Fanhilfe Magdeburg eine kleine Anfrage bei der Landesregierung des Bundeslandes Nordrhein-Westfalen, deren Innenministerium für die Polizeikräfte im Bundesland zuständig ist. An dieser Stelle ein ganz herzliches „Danke!“ an den fraktionslosen Abgeordneten Daniel Schwerd für die Unterstützung.

Auch wenn kleine Anfragen jeweils nur auf den Fakten beruhen, welche der Landesregierung zum Zeitpunkt der Anfrage vorliegen und nicht zwingend intensive Recherchen auslösen, so sind die Antworten der Landesregierung auf unsere konkrete Anfrage ernüchternd und werfen kein gutes Licht auf die verantwortlichen Stellen.

Zum einen konnte (oder wollte?) die Landesregierung nur zwei der fünf gestellten Fragen beantworten. Das insbesondere die Fragen zur Informationsbeschaffung zur Vorplanung von Fußballspielen und zum Thema Datenweitergabe und Datenschutz von betroffenen Fußballanhängern nicht beantwortet werden konnten lässt den wenig beruhigenden Schluss zu, dass die Polizei in NRW relativ autonom und ohne Rechtfertigungsdruck gegenüber dem zuständigen Ministerium arbeiten und auch massive repressive Maßnahmen gegen Bürger durchführen kann, deren Verhältnismäßigkeiten nur mit einigem Wohlwollen noch rechtsstaatliche Prinzipien erfüllen.

Zum anderen erhärten die beiden gegebenen Antworten unseren bereits in unserer ersten Stellungnahme formulierten Vorwurf, dass die Polizei Münster am Abend des 22. April 2016 sprichwörtlich mit Kanonen auf Spatzen schoss. Insgesamt sieben (!!) Gegenstände, die den Tatbestand der passiven Bewaffnung erfüllen sollen, konnten festgestellt werden. Dennoch erhielten mehr als drei Mal so viele Personen, genau genommen 22, bei solcherlei Kontrollen Platzverweise. Leider sind weitere Angaben in diesen Antworten, so zur Zahl aller kontrollierten Anhänger oder über die Gründe der Platzverweise von mindestens 15 (=22-7) der 22 Anhänger nicht enthalten, da mehr als fünf Fragen bei einer solchen Anfrage nicht gestellt werden können.

Auch wenn die Erkenntnisse, die die Fanhilfe Magdeburg aus den Antworten der Landesregierung NRW erlangen konnte, gering sind und weil die wenigen Antworten eher die Sichtweise der Magdeburger Fußballanhänger über einen unnötig martialischen und überdimensionierten Polizeieinsatz stützt, dessen Ausmaß nur über jegliche Realität widersprechende Pressemeldungen noch zu rechtfertigen schien, wird die Fanhilfe Magdeburg weiterhin alle ihr zur Verfügung stehenden Kontrollmittel ausnutzen um der Reputation ihrer Mitglieder sowie aller zu Unrecht kriminalisierten Magdeburger Fußballanhänger genüge zu leisten.

Fanhilfe Magdeburg e.V. am 08.06.2016

Kleine Anfrage - Übermittlung von Daten im Zusammenhang mit dem Dritt-Liga-Spiel SC Preußen Münster.pdf

Auswertung SC Preußen Münster – 1. FC Magdeburg

35. Spieltag der Saison 2015/ 16

„Ist das noch Fußball oder kann das weg?“, fragte am vergangenen Wochenende ein FCM-naher Blog zum Dynamo-Dresden-Spiel und erfuhr mit dem dazugehörigen Artikel so viel Aufmerksamkeit, dass man es gar bis zu einer Veröffentlichung beim mdr brachte. Diese natürlich rein rhetorisch gemeinte Frage könnten wir an dieser Stelle bezüglich des Spiels des 1. FCM in Münster gleich in doppelter, leicht abgewandelter Form erneut stellen, nämlich: „Ist das noch Polizeitaktik oder kann das weg?“ sowie „Ist das noch Pressearbeit oder kann das weg?“

Es gäbe am Rande einige Dinge, die es wert wären intensiver aufgearbeitet zu werden. Aber allein die Schlagzahl an Kuriositäten, Meldungen, Berichten, zweifelhaften Maßnahmen oder ebenso zweifelhaften Presseberichten, die die Magdeburger Fanszene spätestens seit dem Bekanntwerden eines kompletten Materialverbotes für das Münsterspiel am Donnerstagabend erreichten, verhindern eine lückenlose und umfassende Aufarbeitung aller Dinge. So müssen wir an dieser Stelle bezüglich der Auswertung die Relevanz von Ereignissen wichten und uns auf die dringlichsten Dinge konzentrieren. Wir werden deshalb an dieser Stelle nicht darüber debattieren, welchen Sinn ein Materialverbot haben soll und ob eine solche Maßnahme tatsächlich deeskalierend wirkt, also die Situation vor Ort entspannend beeinflusst. Wir werden ebenso wenig thematisieren können, warum unser 1. FCM zwar in löblicher Weise dieses Materialverbotes öffentlich kritisiert, jedoch nicht dazu in der Lage ist zur entscheidenden Sicherheitsberatung in Münster seinen Sicherheits- und/oder Fanbeauftragten zu entsenden. Wir werden noch nicht einmal darüber reden, mit welch eiskalter Logik lokale Sicherheitsbeauftragte, die örtliche Polizei und Magdeburger sogenannte szenekundige Beamte die Verantwortung für diese Entscheidung auf die jeweils Anderen schieben um so eine Eigenverantwortung von sich weisen zu können. Schuld sind nach dieser Logik stets eben diese Anderen, als intervenierender Verein oder Fan steht man solch Geschacher in der Regel machtlos gegenüber. Worüber aber zu reden sein wird, ist a) eine in weiten Teilen zumindest in Bezug auf die Gästefans schlichtweg gelogene Pressemittelung der Münsteraner Polizei und b) die abermals kritik- und anstandslose Übernahme dieser durch verschiedene Presseorgane. Dies jedoch nicht weil wir diese Pressemitteilung für wichtiger halten als die Geschehnisse vor Ort, sondern vielmehr weil die Darstellung dieser Geschehnisse einer Aufarbeitung bedarf, die verdeutlicht, wie sehr insbesondere die Polizei in Münster und mit ihr der gastgebende Verein ein strukturelles Problem im Umgang mit Fußballanhängern haben. Aus diesem Grund werden wir abschließend weiterhin kurz thematisieren, was aus unserer Sicht zu tun wäre, um solche Szenen zukünftig vermeiden zu helfen.

Da wir uns im Folgenden auf die Meldung der Polizei Münster zum Gastspiel des 1. FC Magdeburg beziehen, möchten wir diese an dieser Stelle im Originalwortlaut wiedergeben:

„Durch den polizeilichen Einsatz von Pfefferspray konnten am Freitagabend (22.04.) Durchbrüche von Anhägern beider Vereine unterbunden werden.

In der Mitte der ersten Halbzeit versuchten etwa 300, teilweise vermummte, Magdeburger die Einlasskontrollen durch einen Sturm zu umgehen. Gleichzeitig bedrängten Personen aus dem Gästeblock die Ordner, um den unkontrollierten Zustrom zu ermöglichen. Die Chaoten griffen die zur Unterstützung der Ordner eingesetzten Polizeibeamten an und bewarfen sie mit vollen Bierbechern.

Nach dem Spiel attackierten etwa 200 Sympathisanten von Preußen Münster Polizisten an der Absperrung zu den Gästeparkplätzen. Hier mussten die Beamten neben Pfefferspray auch Schlagstock und Diensthunde einsetzen, um ein unkontrolliertes Aufeinandertreffen der
Gruppierungen zu unterbinden.

"Nur durch das starke Polizeiaufgebot konnten Auseinandersetzungen zwischen den Anhängern beider Vereine und ein Kassensturm unterbunden werden", erläuterte der Einsatzleiter Polizeidirektor Martin Mönnighoff. "Das notwendige Einschreiten der Beamten zeigt erneut, dass Unbelehrbare den Fußball immer wieder für ihre kriminellen Zwecke missbrauchen."

Vor dem Spiel versuchten vier Magdeburger einen Fan-Schal auf der Hammer Straße zu rauben. Polizisten nahmen die Täter fest. Einer von ihnen hatte eine Sturmhaube und einen Zahnschutz dabei.

Bei Fahrzeugkontrollen von anreisenden Magdeburgern fanden Polizisten Quarzhandschuhe, Sturmhauben und weitere Passivbewaffnung. Die Beamten nahmen diesen 21 Personen die Eintrittskarten ab, erteilten ihnen Platzverweise und schickten sie direkt auf die Heimreise.

Kurz vor Spielende brannten Münsteraner Ultras sechs Rauchtöpfe im Block ab. Zeitgleich zündeten Unbekannte in Stadionnähe Feuerwerksraketen.

Nach dem Spiel raubte ein Münsteraner einem Magdeburger einen Fan-Schal. Bei dem Gerangel stürzte der Geschädigte in seine Bierflasche, verletzte sich an der Hand und wurde durch Rettungskräfte in ein Krankenhaus gebracht.

Insgesamt fertigten die Einsatzkräfte 28 Anzeigen wegen Raub, Widerstand, Beleidigung, Bedrohung und sonstiger Verstöße.“


Eine solche Darstellung seitens der Polizei suggeriert dem nicht beteiligten Leser durch eine Vielzahl von Schlagworten (Vermummte, Kassensturm, Pfefferspray, Quarzhandschuhe, Schlagstockeinsatz, Chaoten und einige mehr) nicht nur, dass es vermutlich zu chaotischen Szenen am Rande des Spiels gekommen sein muss. Sie versucht zusätzlich das massive polizeiliche Vorgehen vor Ort zu legitimieren, was ihr dank unkritischer Übernahme und damit Weiterverbreitung dieser Meldung durch Presseorgane leider einmal mehr zu gelingen scheint. Jedoch ordnet die Polizei Münster ihr Verhalten nicht nur nicht in gegebene Kontexte ein. Sie verbreitet zumindest in Bezug auf die Gästefans, die durch die Polizei bereits im Vorfeld des Spiels eine Stigmatisierung als potentielle Gewalttäter erfahren durften, zudem auch Unwahrheiten.

Wahr ist: die Polizei stellte vor dem Spiel Personalien bei Gästefans fest und zog dabei vereinzelt (!) Gegenstände ein, die aus ihrer Sicht den Tatbestand der Passivbewaffnung erfüllen. Dies ist jedoch nicht dem zielgerichteten Eingreifen seitens der Polizei gedankt, sondern massiver und langwieriger Kontrolle einer Vielzahl von Fahrzeugen mit Gästefans auf den Autobahnrastplätzen rund um Münster, den Zufahrtstraßen zum Stadion sowie auf dem Gästeparkplatz selbst. An dieser Stelle darf schon die Frage nach der Verhältnismäßigkeit gestellt werden, insbesondere wenn bei diesen massiven Kontrollen zudem keine pyrotechnischen Artikel sichergestellt werden konnten, welche aus Sicht der Polizei diesen Einsatz erst notwendig werden ließen.

Wahr ist ebenfalls, dass vier Magdeburger Anhänger wegen einem angeblichen Raubversuch (ob dieser auch stattfand, wird durch die Justizbehörden festzustellen sein) während des Spiels in Gewahrsam genommen worden sind.

Wahr ist weiterhin, dass es vereinzelte Becherwürfe auf Polizisten im Gästeblock gegeben hat, als eine größere Gruppe Fans das Stadion betrat und die Polizei dabei in Vollausrüstung mitten durch die Gästeanhängerschaft zog.




Unwahr ist jedoch, dass 300 Gästefans versuchten den Einlass durch einen Sturm zu umgehen. Unwahr wäre es im Übrigen auch, wenn die Polizei anstelle von 300 Fans an dieser Stelle von 30 oder drei Fans sprechen würde. Eine solche Situation gab es schlichtweg zu keinem Zeitpunkt am Gästeeingang, der Einlass lief vielmehr zu jeder Zeit geordnet und gesittet ab. Dies werden mit Sicherheit auch die vor Ort eingesetzten Ordner bestätigen können oder die polizeilichen Videoaufnahmen, die aus verschiedenen Kameras durchgehend angefertigt wurden. Wahrheitsgemäß wiedergegeben hätte es vielmehr heißen müssen, dass eine größere Gruppe an Fans aufgrund der Vielzahl an polizeilichen Kontrollen auf dem Gästeparkplatz auf Betroffene dieser Maßnahmen wartete und deshalb erst mit Beendigung dieser - nach Anpfiff des Spiels - das Stadion betrat. Ebenso hätte man berichten können, dass sich eine Vielzahl an Fans, die sich bereits im Stadion befanden, mit den von Polizeimaßnahmen betroffenen Fans solidarisierte und den eigentlichen Gästeblock verließ, um im Zwischenraum zwischen Eingang und Gästeblock auf die vor dem Stadion stehenden Anhänger zu warten.

Die Zusammenhänge sind also zusammengefasst wie folgt: erst eine massive Polizeipräsenz kombiniert mit einer Vielzahl von Personenkontrollen führte überhaupt dazu, dass ein nicht unerheblicher Teil der Gästefans erst kurz vor oder gar nach dem Anpfiff den Weg in Richtung Gästeeingang bestreiten durften. Das solidarische Warten anderer Fans vor dem Eingang auf die von Maßnahmen betroffenen Fans reicht der Polizei aus, um einen Sturm des Einlasses zu vermuten. Obwohl dieser zu keinem Zeitpunkt stattfand, vermeldet die Polizei Münster diesen dennoch.

Das weitere Spielgeschehen lief daraufhin im Rahmen der noch gegebenen Möglichkeiten stimmungsvoll ab, wofür auch der im Gegensatz zum Polizeieinsatz zu jedem Zeitpunkt deeskalierende Einsatz der Vereinsordner des Gastgebers und auch des 1. FCM maßgeblich mitverantwortlich ist. Auch nach dem Spiel gab es seitens der Anhänger des 1. FCM keinerlei Versuche Auseinandersetzungen mit den Heimfans zu initiieren, sondern einen durchweg gesitteten und friedlichen Abmarsch von den Gästeparkplätzen. Ohne zu wissen, welche polizeilichen Maßnahmen im Bereich des Heimbereichs erfolgten, ist es deshalb wichtig festzuhalten, dass anders als in der Polizeimeldung suggeriert, es zu keinem Zeitpunkt irgendwelche Konfrontationen zwischen Anhänger von Preußen Münster und des 1. FCM kam und aus diesem Grund auch kein Pfeffersprayeinsatz und dergleichen gegen Anhänger des 1. FCM notwendig war oder überhaupt stattgefunden hat!

Im Nachgang musste die Fanhilfe Magdeburg dann leider abermals zur Kenntnis nehmen, wie unreflektiert solche Darstellungen auch von eigentlich seriösen Medien teils wortwörtlich übernommen werden. Auch wir wissen, unter welchem Kosten- und Informationsdruck Medien heutzutage stehen und wie schnell man dazu verleitet werden kann, von vermeintlich seriösen Quellen Meldungen unhinterfragt zu übernehmen. Allein: auch diese Zwänge können keine Entschuldigung dafür sein, Mindeststandards journalistischer Arbeit nicht zu erfüllen. Grundsätze wie exakte Recherche, Prüfung des Wahrheitsgehaltes von Meldungen, insbesondere wenn man selbst keinen Journalisten vor Ort hatte, und der Sichtbarmachung unbestätigter Meldungen sichern die eigene Glaubwürdigkeit, die nunmehr einmal mehr Schaden genommen haben dürfte.




Die Fanhilfe Magdeburg vertritt nach Auswertung aller Ereignisse in Münster, aufgrund des eigenem Erlebten sowie durch die Einschätzungen von Fans anderer Vereine, die bereits in Münster gastierten, die Ansicht, dass die Polizei vor Ort über den notwendigen Rahmen zur Absicherung von Drittligafußball hinaus einen Kleinkrieg gegen Fußballfans führt - unabhängig davon, ob es sich um Heim- oder Gästefans handelt. Zu dieser Erkenntnis tragen eine ungenügende Informationskette im Vorfeld des Spiels, ein massives und aus Sicht der Fanhilfe Magdeburg keiner irgendwie gearteten Relation entsprechendes Polizeiaufgebot inklusiver massiver Kontrollen von Gästefans ebenso bei wie eine durchgehend fehlerhafte Darstellung der Ereignisse im Nachgang des Spiels, welche wir in der Vielzahl der Fehler als bewusste Desinformation der Öffentlichkeit werten.

Aus diesem Grunde empfehlen wir nicht nur den Verantwortlichen des 1. FC Magdeburg, sondern aller Gästeteams in Münster, sich zukünftig durch konsequente Teilnahme an Sicherheitsberatungen und Dokumentation dieser (!) und durch konsequentes Einsetzen für fanrelevante Dinge den eigenen Anhängern einen Weg zu einem normalen Fußballerlebnis zu ermöglichen. Fanvertretungen und Fanprojekte zukünftiger Gäste in Münster sollten ihre Rechte durch den Einsatz von Fananwälten sowie der Dokumentation und Veröffentlichung verfänglicher Situationen absichern. Presseorganen empfehlen wir die Prüfung von Polizeimeldungen im Fußballzusammenhang im Allgemeinen und im Fall der Polizei Münster im Speziellen. Dem SC Preußen Münster wünschen wir, dass sich der Druck seitens Polizei irgendwann in dem Maße legt, dass man offensichtliche Probleme im eigenen Anhang dann auch konstruktiv und nachhaltig und vor allem ohne Druck von außen angehen kann. Unter den gegebenen Umständen halten wir dies jedoch für nahezu unmöglich.

Fanhilfe Magdeburg e.V. am 24.04.2016

Auswertung 1. FC Magdeburg – SG Dynamo Dresden

34. Spieltag der Saison 2015/ 16

An dieser Stelle möchte die Fanhilfe Magdeburg die Geschehnisse rund um das Drittligaspiel 1. FCM gegen Dynamo Dresden aus ihrer Sicht wiedergeben. Die Bewertung der Geschehnisse beruht dabei aus der Sicht der Fans, sie ist also subjektiv und hat nicht den Vorsatz oder Aufgabe objektiv alle Geschehnisse zu bewerten. Sehr wohl möchten wir aber versuchen, verschiedene Verhaltensweisen zu reflektieren und in einen größeren Sinnzusammenhang zu setzen um Geschehnisse wie die am Spieltag besser einordnen zu können. Hierzu verlinken wir Hintergrundberichte, die das Gesagte besser verständlich machen sollen. Dies ist aus Sicht der Fanhilfe Magdeburg insbesondere deshalb notwendig, weil mit der Berichterstattung der verschiedenen Presse- und Medienorgane wie auch seitens der Polizei u.a. über ihren Twitter-Account eine Deutungshoheit über die Realität erzeugt und durch stete wechselseitige Weitergabe als wahr reproduziert wird, der Fans selten etwas entgegen zu stellen haben. Die Problematik der Deutungsmacht der Polizei wird in Zusammenhang mit verschiedenen Demonstrationen u.a. in diesem (http://www.zeit.de/politik/deutschland/2015-07/polizei-twitter-verstoss-gegen-recht) und diesem (http://www.fr-online.de/frankfurt/twitter-polizei-wegen-twitter-in-kritik,1472798,31184268.html) Artikel näher beleuchtet.

Für die Fanhilfe Magdeburg begann die Partie des 1. FC Magdeburg gegen Dynamo Dresden bereits rund eine Woche vor Spielanpfiff, als die Schwarz-Gelbe Hilfe Dresden e.V. uns darüber informierte, dass ein Teil der Dresdener Fans mit Betretungsverboten durch die Polizeidirektion Sachsen-Anhalt Nord belegt worden sind. Betretungsverbote werden vornehmlich dann gegen unliebsame Personen ausgesprochen, wenn diese nicht durch bspw. ein Stadionverbot sowieso vom Besuch eines Fußballspiels ausgeschlossen sind. Die Grundlagen dieser Betretungsverbote sind oftmals strittig, für Betroffene aber nur in einem meist mühsamen und kostenintensiven Verfahren vor dem Verwaltungsgericht zu klären. Welcher Personenkreis seitens der Polizei für solcherlei Maßnahmen vorgesehen ist, ist ebenso schwierig nachzuvollziehen. Es ist jedoch nicht vollends absurd anzunehmen, dass insbesondere solche Personen in Betracht kommen die in extra dafür eingerichteten Datenbanken gespeichert sind. Die Rechtmäßigkeit oder gar bloße Existenz solcher Datenbanken hatte auch die Fanhilfe Magdeburg zuletzt mehrfach thematisiert, eine gute Zusammenfassung dieser Thematik mit Erklärung wie schnell Fans in solcher Datei landen können und wie schwer es ist, ein Mal gespeichert auch wieder aus solchen Dateien gelöscht zu werden liefern u.a. dieser (https://netzpolitik.org/2016/mehr-daten-als-tore-polizei-sammelt-fleissig-aber-oft-unrechtmaessig/) und dieser (http://fcpoppe-blog.pageflow.io/geheime-datensammlungen-uber-fussball-fans#44382) Beitrag. Wie dort nachzulesen ist, verfügt bereits allein die Polizei Dresden über eine interne Datenbank mit weit über 700 gespeicherten Fans von Dynamo Dresden, die ohne Verurteilung vor einem Gericht oder ohne Stadionverbot dank dieser Datei weiterhin sanktioniert werden können.

Auf eine weitere Episode zum Thema Wahrheitsgehalt von Meldungen, deren Deutungshoheit und unreflektierter Weitergabe durch verschiedene Presseorgane, die vor den Ereignissen am Samstag auch den Kern dieser Mitteilung bilden sollte, wurden wir bereits am Freitag von einem Mitglied der organisierten Fanszene hingewiesen. Denn Ende letzter Woche gab die Magdeburger Polizei nicht nur bekannt, dass es aufgrund eines Fanmarsches vor dem Spiel zu Verkehrsstörungen in der Stadt kommen kann, sie nannte sogar Treffpunkt, Treffzeit und erwartete Fanzahl. Unter anderem die Volksstimme Magdeburg (http://www.volksstimme.de/lokal/magdeburg/fussball-magdeburger-stadion-bereit-fuer-fans) aber auch ein bekanntes Fanportal (http://www.faszination-fankurve.de/index.php?head=Fanmaersche-vor-Ostduell&folder=sites&site=news_detail&news_id=12538) griffen diese Meldung auf und setzten somit einen Prozess in Gang, der spätestens am Spieltag durch entsprechende Meldungen bei Radio SAW oder im MDR seine Krönung fand. Leider hielt es keine der genannten Quellen für nötig, die durch die Polizei gestreute Information auf Nachhaltigkeit hin zu überprüfen, sonst hätte auffallen können, dass keine der für die organisierte Magdeburger Fanszene bekannten Quellen (u.a. block-u.de bzw. fcmfans.de) einen solchen Marsch ankündigte. Und so passierte das, was man gemeinhin wohl als sich selbst erfüllende Prophezeiung bezeichnet: weil die PD Nord einen Fanmarsch vermutet, aus welchen Quellen diese Vermutung gerade in Bezug auf die konkreten Angaben auch immer gespeist wird, tritt diese Vermutung dank Unterstützung vieler Medien bei der Verbreitung dieser Meldung auch ein. Denn tatsächlich versammeln sich bis um 11:00 Uhr einige hundert Clubfans, vornehmlich aus der nicht organisierten Fanszene, die erst durch die verbreiteten Meldungen überhaupt von einem Marsch in Kenntnis gesetzt wurden, um dann unter Polizeibegleitung zum Stadion geführt zu werden.

Die Auswertung der weiteren Vorkommnisse rund um dieses Spiel möchten wir nur vorsichtig angehen. Zu viel liegt noch im Unklaren und zu wenig wissen wir gerade in Bezug auf die Einlasssituation bei den Anhängern der Gäste von diesen selbst. Während von Polizei und Presse jedoch vordergründig Fotos und Meldungen von vermeintlich randalierenden Dynamo-Fans weiterverbreitet werden, sind die Fotos von einem geschlossenen Tor und der dahinter drängelnden Masse sowie einem kaum mehr als 150 Zentimeter breiten Zugang zum Gästeblock eher selten zu finden.



Weiß man nun zusätzlich von einer deutlich verspäteten Ankunft des Sonderzuges der Gäste, so kann sich mit logischem Menschenverstand bereits vor dem Eintreten der Eskalation am Gästeeingang ausmalen, dass a) eine hohe Anzahl an Fans in sehr kurzem Zeitabstand an diesem engen Eingang stehen werden und b) diese wegen des zeitnahen Beginns des vermutlich wichtigsten Spiels der Saison auch schnellstmöglich in das Stadion gelangen wollen würden. Dass das Schließen des Tores vor den Nebenplätzen des Stadions zur Regulierung des Zugangs der Fans nicht eine kurzfristige Entscheidung, sondern Teil des Sicherheitskonzeptes war, erscheint dabei nicht nur den Fanhilfe-Mitgliedern als logisch, die am Vorabend des Dresden-Spiels am Rande der auf diesem Nebenplatz 1 ausgetragenen U19-Partie des 1. FCM beobachten konnten, wie Sicherheitsdienst und Polizei nahezu die gesamte erste Spielhälfte über Schließmechanismus und vorhandene Übersteigemöglichkeiten an diesem Tor inspizierten und testeten. Es erschließt uns als Fanhilfe Magdeburg daher nicht, warum ganz offensichtlich eine Verschiebung des Anpfiffs als Maßnahme zur Entschärfung der Einlasssituation nicht durchgeführt wurde? Sind die Sendezeiten der geldgebenden Sender und mit ihnen die Bequemlichkeit der Zuschauer an den TV-Geräten so viel wichtiger wie die Sicherheit der tatsächlich auch bei den Spielen anwesenden Fans? Es erscheint uns als zu eindimensionale Erklärung auch seitens der Vereinsverantwortlichen des 1. FC Magdeburg, die Schuld für die Eskalation am Gästeeingang ausschließlich auf das Verhalten der Gästefans zurückzuführen, zumal die Zahlen der in den verschiedenen von Polizei, Presse und auch Verein publizierten Meldungen nun garantiert nicht dafür sprechen, dass sich tatsächlich mehrere hundert Fans ohne Karte Zutritt zum Stadion verschaffen wollten. Jedenfalls entsprechen die angegebenen Zahlen von 800 - 1.200 Gästefans im Stadion und ca. 700 nicht ins Stadion gelassene Fans so ziemlich exakt der Zahl an verkauften Gästetickets und eben nicht deutlich mehr. Und schon gar nicht lassen sich hier die durch unseren 1. FCM kolportierten 300 Gästefans ohne Karte herausrechnen (http://1.fc-magdeburg.de/saison/aktuelles/1-fc-magdeburg-gegen-sg-dynamo-dresden/5911/). Dass sich unter den anreisenden Dynamo-Fans auch solche Personen befunden haben können, die trotz gültiger Eintrittskarte mit Betretungsverbot für den Gästebereich belegt waren und das diese sich auf diesem Wege Einlass verschaffen wollte, können wir nicht nur nicht ausschließen, wir gehen sogar davon aus. Die Art und Weise wie solche Verbote entstehen und wie wenige rechtliche Möglichkeiten Fans haben dagegen vorzugehen haben wir jedoch bereits beschrieben. Es erscheint uns gerade deshalb als fraglich, ob die mögliche Anwesenheit dieser Personen eine ideale Grundlage für die Lageeinschätzung der Polizei und die Maßnahme des 1. FC Magdeburg darstellen.

Die Bewertung der Ereignisse im Gästeblock möchte die Fanhilfe MD den Gästen überlassen, jedoch fiel es uns auf, dass die Maßnahmen im Umlauf des Stadions ganz offensichtlich nicht zu einer Beruhigung der Situation beigetragen haben, mithin also nicht deeskalierend wirkten. Dennoch ist es auch der Fanhilfe MD wichtig zu bemerken, dass unabhängig jedweder Umstände das Abfeuern von Leuchtstiften in eng besetzte Zuschauerränge niemals eine Option eines irgendwie gearteten legitimen Handelns sein kann und darf. Mit solchen Aktionen erschweren die Verursacher Einrichtungen wie den Fanhilfen die Aufarbeitung solcher Ereignisse auch aus Fansicht gegenüber Vereinen, Medien oder Sicherheitseinrichtungen nachvollziehbar zu machen!

Gleiches gilt ausdrücklich für die Angriffe auf den Gästeblock seitens Magdeburger Fans nach Spielende. Dennoch muss es auch an dieser Stelle erlaubt sein zu hinterfragen, wieso die Polizei mit wochenlang ausgeklügeltem Sicherheitskonzept und mehreren hundert Kräften im Einsatz ist, wenn sie sich dann bereits kurz nach Abpfiff von dem neuralgischen Punkt zwischen Fantribüne des 1. FCM und Gästeparkplatz zurückzieht und somit erst die Möglichkeit für einen Sturm seitens der Heimfans eröffnet? Es muss die Frage erlaubt sein, warum die Polizei als Reaktion darauf mit massivem Wasserwerfereinsatz und auch rigidem Vorgehen von sofort nachrückenden BFE-Einheiten unabhängig vom Verursacherprinzip auf alles und jeden eindrischt, was sich in diesem Bereich befindet? Und es muss an dieser Stelle auch hinterfragt werden, warum es nach dem Einsatz der BFE erst der Landespolizei durch kommunikatives Handeln wieder gelingt, die Situation vor dem Stadion zu beruhigen? Durch solche Maßnahmen sehen sich letztlich wieder diejenigen bestätigt, die annehmen, dass es zumindest bestimmten Polizeieinheiten gar nicht darum geht, einen eskalationsfreien Ablauf zu garantieren. Und das insbesondere Fußballfans ohne Lobby und auch aufgrund ihres oftmals selbstverursachten Verhaltens ein gerngesehenes Übungsobjekt gerade für Eliteeinheiten der Polizei sind. Dass also auch bei den Ereignissen am Samstag sich ausgerechnet BFE-Einheiten negativ in den Vordergrund spielten, scheint aus dieser Sicht kein Zufall und bestätigt in gewisser Weise auch eine Studie über das Verhalten von BFE-Einheiten, die in der letzten Woche von der „Grüne Jugend Göttingen“ vorgestellt wurde (http://gj-goettingen.de/wp-content/uploads/2016/04/BFE_Broschu%CC%88re_10.04.16_o.pdf)




Was bleibt ist ein Derby, in der die Zahl der Verlierer die Zahl der Gewinner deutlich übersteigt. Statt der Berichte über ein wahrlich begeisterndes Spiel oder über eine stimmungsvolle Kulisse, dominieren die Negativ-Schlagzeilen seitdem die Presselandschaft. Neben verschiedenen Fangruppierungen, die zweifelsfrei und maßgeblich (!) ihre Aktie an den Geschehnissen rund um das Heinz-Krügel-Stadion haben, sollten sich jedoch auch weitere Akteure hinsichtlich ihres Handelns hinterfragen. Hierzu gehört der 1. FC Magdeburg, der offensichtlich nicht in der Lage oder Willens war auf eine Verspätung des Dresdener Sonderzuges entsprechend zu reagieren und somit abermals seine Führungsschwäche bezüglich fanrelevanten Themen untermauerte. Hierzu gilt der übertragende Sender, dem die Sendezeit offensichtlich wichtiger als die Sicherheit der Fans vor Ort am Stadion war. Hier sind alle in dieser Bewertung genannten Medien zu nennen welche unreflektiert und teilweise unkorrekt wertend Meldungen verbreiteten. Und hierzu zählt die Polizei, die bereits bei der Kommunikation im Vorfeld des Spiels einen dicken Bock schoss und deren Sicherheitskonzept weder vor, noch während noch nach dem Spiel Eskalationen verhinderte, sondern sie vielmehr zu fördern schien.

Fanhilfe Magdeburg e.V. am 18.04.2016

Geheime Datensammlung über Fußballfans auch in Sachsen-Anhalt entdeckt

Die bekannte und bundesweit geführte Datei „Gewalttäter Sport“ ist nur die Spitze des Eisberges. Bereits 2015 kam an die Öffentlichkeit, dass die Datensammelwut auf Länderebene eine neue Dimension erreicht hat. So hat die Polizei in mittlerweile mehr als der Hälfte aller Bundesländer systematisch viel weitergehende Datensammlungen angelegt und darüber hinaus dessen Existenz verschleiert. Zwei so genannte „Arbeitsdateien für szenekundigen Beamten“ hat nun auch das Land Sachsen-Anhalt zugegeben.

Bereits über 20 Jahre ist es her, da wurde die Datei „Gewalttäter Sport“ eingerichtet. In der Errichtungsanordnung heißt es zum Zweck der Datei u. a.: „Die Datei dient der Verhinderung gewalttätiger Auseinandersetzungen und sonstiger Straftaten im Zusammenhang mit Sportveranstaltungen, insbesondere von Fußballspielen, durch recherchefähige Erfassung […], soweit diese im Zusammenhang mit Sportveranstaltungen festgestellt wurden.“ Weiterhin heißt es in dem Dokument: „Die Datei ermöglicht das Gewinnen von Anhaltspunkten für das sachgerechte und wirksame Treffen von Eingriffsmaßnahmen und liefert der Polizei Erkenntnisse für organisatorische und taktische Maßnahmen.“

Zu einer Datenspeicherung bedarf es nicht viel, oftmals reicht schon eine bloße Identitätsfeststellung. Ein Eintrag in der Datei bringt oft erhebliche Einschränkungen im täglichen Leben, z. B. bei Urlaubsreisen, für die Betroffenen mit sich. Der Betroffene selbst erfährt nicht, dass seine Daten gespeichert wurden und eine Löschung der Datei ist äußerst schwierig. Weiterführende Informationen zur Datei Gewalttäter Sport sind unter anderen unter auf http://www.profans.de/gewalttater-sport oder auf den Homepages anderer Fanhilfen zu finden.

Nun könnte man annehmen, dass diese bundesweit vom BKA geführte Datei ausreichend ist, um die Erkenntnisse der so genannten „szenekundigen Beamten“ zu führen. Dem ist offenbar nicht so bzw. bietet die GWS-Datei offenbar nicht ausreichend Möglichkeiten all das zu „archivieren“, was der Freund und Helfer gern gespeichert wissen möchte. Und so führen viele Bundesländer parallel weitere Dateien – und das zumeist geheim. Und offenbar sind in diesen Dateien mittlerweile deutlich mehr Personen gespeichert als in der bundesweit geführten Datei.

Mittlerweile mussten die Länder Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Hessen, Berlin, Schleswig-Holstein, Hamburg und zuletzt auch Mecklenburg Vorpommern nicht ganz freiwillig die Existenz (teilweise auch im Unwissen des Landesdatenschutzbeauftragten!) einer solchen Datei zugeben. Sachsen hingegen führt seine Geheimdatei seit 2014 nicht mehr. Nicht ganz unerwartet gesellt sich nun auch das Land Sachsen-Anhalt dazu.

Datei „Erkenntnisgewinnung für szenekundige Beamte“

Aufgrund der Erkenntnisse in den anderen Bundesländern initiierte die Fanhilfe Magdeburg Anfang 2016 eine kleine Anfrage bei der Landesregierung. Auf offene Ohren stießen wir dabei auf Dennis Jannack, Mitglied im Stadtrat und der Fanhilfe Magdeburg sowie Uwe Loos, Landtagsabgeordneter und Sprecher für Sportpolitik von „DIE LINKE“. Wir wollten von der Landesregierung in dem Zusammenhang wissen, ob die Landesregierung Kenntnis von einer solchen Datei auch in Sachsen-Anhalt hat. Weiterhin hinterfragten wir in einer weiteren kleinen Anfrage den Einsatz von V-Leuten in Fußballszene in Sachsen-Anhalt.

Unsere Anfrage bzgl. der SKB-Dateien vom 25. Januar 2016 beantwortete das Ministerium für Inneres und Sport am 4. März 2016 u. a. wie folgt: „Die Polizei Sachsen-Anhalt führt derzeit keine weiteren (sog. SKB-) Dateien. Um eine sachgerechte Information zu gewährleisten, wird im Nachfolgenden auch auf aktuell nicht mehr geführte Dateien im Sinne der Kleinen Anfrage eingegangen. Im Jahr 2006 hatte das Land Sachsen-Anhalt die Datei „Erkenntnisgewinnung für Szenekundige Beamte“ (EfSKB) eingerichtet, da die Verbunddatei „Gewalttäter Sport“ aufgrund eingeschränkter Recherchemöglichkeiten insbesondere für die Erstellung von Gefahrenprognosen im Zusammenhang mit Sportveranstaltungen nicht ausreichend war. Es handelte sich um ein automatisiertes Abrufverfahren, welches nach § 13a des Gesetzes über die öffentliche Sicherheit und Ordnung des Landes Sachsen-Anhalt in Verbindung mit § 7 Abs. 3 Datenschutzgesetz Sachsen-Anhalt der Unterrichtung des Landesbeauftragten für den Datenschutz Sachsen-Anhalt unterlag. Die Datei wird seit März 2015 nicht mehr geführt.“

Weiterhin heißt es in dem Dokument: „Durch die Polizeidirektion Sachsen-Anhalt Süd wurde im Polizeirevier Halle auf der Grundlage eines vom behördlichen Datenschutzbeauftragten am 9. Juli 2015 unterzeichneten Verfahrensverzeichnisses eine Datei „Gewalttäter Sport mit Bezug zum Halleschen FC“ geführt. Seit dem 22. Februar 2016 wird diese Datei nicht mehr geführt.“

Halten wir also fest:

- das Land Sachsen-Anhalt führte ca. neun Jahre, konkret von 2006 bis 2015, eine Datei mit dem Namen „Erkenntnisgewinnung für Szenekundige Beamte“ (EfSKB)
- die erst am 9. Juli 2015 eingeführte Datei „Gewalttäter Sport mit Bezug zum Halleschen FC“ wird ca. vier Wochen nach Einreichung unserer Anfrage eingestellt

Fanhilfemitglied und Stadtrat Dennis Jannack dazu: „Zum Glück wurden die geheimen Datensammlungen über Fußballfans beendet. Welche sensiblen Daten gesammelt wurden, ist damit jedoch nicht mehr nachvollziehbar. Sieht man sich Antworten auf ähnliche Anfragen in anderen Bundesländern an, dürfte da einiges an Daten zusammengekommen sein. Es ist ein Skandal, dass Menschen, die strafrechtlich nicht in Erscheinung getreten sind, geheime Dateien mit ihren persönlichen Daten füllen.“

Einsatz von verdeckten Ermittlern (V-Leute) beim Fußball

Nebulös fällt hingegen die Antwort zum Einsatz von V-Leuten in der Fanszene aus. Exemplarisch sei an dieser Stelle folgender Absatz zitiert: „Unterstellt man, dass Informanten in Anspruch genommen bzw. Vertrauenspersonenoder Verdeckte Ermittler in den Fußball-Fanszenen des Landes für die Polizei oder die Verfassungsschutzbehörde des Landes Sachsen-Anhalt eingesetzt waren - ob dies tatsächlich der Fall war, bleibt hier ausdrücklich offen -, dann könnten durchaus im Wege eines Ausschlussverfahrens Rückschlüsse auf die Identität der betreffenden Personen gezogen werden. Dies könnte zu Rachetaten gegenüber diesen Personen und ihrer Angehörigen führen, die geeignet wären, deren Leib, Leben und Freiheit langfristig zu gefährden.“

Sehr viele Rückschlüsse lassen sich aus dieser Antwort nicht schließen. Liest man zwischen den Zeilen, bietet diese Aussage jedoch jede Menge Raum für Spekulation. Fakt ist, dass die Landesregierung hätte klarstellen können: „Wir haben keine V-Leute im Einsatz!“, was sie explizit jedoch nicht getan hat. Ob dies bewusst oder unbewusst geschah, lassen wir an dieser Stelle unkommentiert.

Was wir jedoch nicht unkommentiert lassen, ist der Umstand, dass über Jahre geheim und systematisch Daten über Fußballfans gesammelt wurden. Das Recht auf informationelle Selbstbestimmung sieht vor, dass grundsätzlich jeder selbst über die Preisgabe und Verwendung seiner personenbezogenen Daten bestimmen darf. In der Theorie wäre das vermutlich auch in Sachsen-Anhalt möglich gewesen. Wie sich das in der Praxis bei geheim geführten Dateien darstellt, kann sich jeder selbst beantworten. Fußballfans durch geheimdienstliche Methoden zu kriminalisieren schafft kein Vertrauen, vielmehr wird das ohnehin schon zerrüttete Verhältnis zwischen Fußballfans und staatlichen Organen sowohl durch geheime Datensammlungen, als auch durch den möglichen Einsatz von V-Leuten weiter nachhaltig gestört.

Geheimdateien über Fußballfans I

Geheimdateien über Fußballfans II

V-Leute in der Fußballszene I

V-Leute in der Fußballszene II